Paula und Leonie – Teil 1

Allgemein, Kindergeschichten

Mein Name ist Paula und seit neun Monaten und achtzehn Tagen bin ich zehn Jahre alt. Also bin ich fast elf. Seit fast einem ganzen Schuljahr besuche ich die erste Klasse des Gymnasiums. Meine beste Freundin heißt Mia und du wirst ein bisschen von ihr erfahren, auch wenn sie in der folgenden Geschichte gar nicht vorkommen wird. Naja, fast nicht … davon aber später.

Ich wohne mit meinen Eltern und meinem großen Bruder in einem schönen Haus am Rande der Stadt. Papa sagt immer, dass es ein kleines Häuschen sei. Ich finde, es ist groß genug. Früher haben wir uns – mein Bruder Peter und ich – ein großes Kinderzimmer unter dem Dach im ersten Stock geteilt. Dann sind wir älter geworden und es wurde eine Trennwand in den großen Raum gezogen. So hat jeder von uns ein eigenes Zimmer erhalten.

Mein Zimmer ist nicht groß, aber es passt mein Bett hinein, ein Schreibtisch, ein großer Schrank und ein paar Regale, auf denen hauptsächlich meine Stofftiere sitzen. Dazwischen findet man Spiele und in einer Kommode bunkere ich meinen Bastelkram. Zusätzlich hätte ich gerne eine kleine Couch, die hat sicher auch noch Platz. Papa sagt, ich soll noch ein paar Monate warten, dann darf ich mir eine aussuchen.

Am Fensterbrett meines Zimmers habe ich alte und leergegessene Einmachgläser mit selbstgezogenen Bohnenpflanzen aufgereiht und wenn man aus dem Fenster sieht, hat man einen sehr schönen Blick über die Dächer unserer Stadt. Das ist so, weil unser Haus am Hang steht, zwischen anderen hübschen Häusern. Dazwischen gibt es Gärten und viele Bäume. Also ist der Blick von hier oben gesehen sehr Grün. Ich mag diesen Blick. Meine Bohnen mögen ihn auch, denn sie wachsen phantastisch.

Meine Eltern wohnen ein Stockwerk tiefer im Erdgeschoß. Dort ist auch das Wohnzimmer und die Küche. Das Badezimmer ist hier oben bei uns. Toiletten haben wir glücklicherweise zwei. Eine hier oben und eine unten.

„Das erspart uns einigen Kummer.“ Das sind Mamas Worte gewesen.

Mama hat noch ein Arbeitszimmer hier oben gegenüber von meinem Zimmer. Ihr Zimmer ist wirklich sehr klein. Es hat fast den gleichen schönen Ausblick, nur eben in die andere Richtung. Das Fenster von Mamas Arbeitszimmer ist sehr schön. Es ist rund und hat in der Mitte ein Kreuz aus Holz, an dem man es auch öffnen kann. Papa ist der Meinung, dass es wichtig ist, dass Mama ein besonderes Fenster mit einem besonderen Ausblick hat. Ich glaube, er hat das Haus deswegen ausgesucht. Mama meint, die Sache mit dem Fenster ist nicht so wichtig für sie. Aber wenn sie eine ihrer Geschichten am Computer schreibt und beim Geschichtenerfinden nicht weiterkommt, dann guckt sie oft hinaus und dann tippt sie wieder wie wild weiter, weil sie einen guten Einfall hatte. Ich denke also, Papa hat recht gehabt. Ich habe oft versucht, meine Hausübungen in Mamas Arbeitszimmer zu machen. Aber wenn ich aus dem Fenster sehe, dann vergesse ich, dass ich etwas zu tun habe und es vergehen Stunden, in denen ich in den Tag träume und meine Hausübungen sind anschließend immer noch nicht erledigt. Also mir hilft das Fenster leider nicht.

Eigentlich heiße ich ja Paula Sidonie. Meine Eltern sind der Meinung gewesen, dass es hübsch wäre, wenn ich einen zweiten Vornamen bekäme. Ich hingegen bin nicht ganz sicher, ob mir der Name Sidonie gefällt. Am liebsten höre ich auf den Namen Paula. Meinen zweiten Vornamen verheimliche ich lieber. Mein Bruder Peter ist älter, er ist 12 Jahre alt und wird demnächst 13. Peter hat ebenfalls einen zweiten Namen: Leon. Also Peter Leon. Aber seit langer Zeit rufen wir ihn „Leonie“ und das hat seinen besonderen Grund.

Es ist Abend und ich habe gerade das große Licht in meinem Zimmer eingeschaltet. Ich bin beim Basteln und es ist mittlerweile so dunkel geworden, dass ich ohne Licht nichts mehr sehen konnte. Ich bastle gerade große Schmetterlinge aus Karton. Die Flügel sind bunt, ich verwende dazu durchsichtiges, farbiges Papier. Das Papier habe ich schon ausgeschnitten, jetzt muss ich es nur mehr in die Flügelgerüste aus Karton kleben. Wenn alles getrocknet ist, werde ich die Fenster unseres Wohnzimmers mit den gebastelten Schmetterlingen schmücken. Die bunten Flügel werden sicher schön glänzen, wenn das Licht darauf fällt.

Mama und Papa haben heute Theaterabend. Wir Kinder sind schon öfter am Abend allein daheim, wir sind ja schließlich keine Babys mehr. Aber heute Abend ist Oma auch hier. Auch wenn sie nicht mehr auf uns aufpassen muss, kann man es ihr nicht ausreden. Also spielen Leonie und ich brave Kinder, damit sie sich anschließend nicht beschwert. Unsere Eltern spielen ebenfalls mit und zum Schluss haben wir alle zusammen die Oma glücklich gemacht. Das ist viel schöner als Gezanke. Mein Bruder Peter – den wir ja Leonie rufen – und Oma sind unten in der Küche gewesen, als ich sie das letzte Mal gesehen habe.

„AHH!! NEIN, NEIN, NEIN! Ich will das NICHT!!!!“

Ich zucke richtig zusammen, so laut ist Leonies Geschrei. Es ist wütend und auch verzweifelt. Ich höre Oma etwas sagen und dann wieder Leonies wildes Gezeter:

„SOS! HILFEEE!!!“

Das ist mein Stichwort.

„Ich KOMMEEEE!!“, brülle ich zurück.

Schnell springe ich auf und eile zu meinem Handy, das auf dem Bett liegt. Ich greife es und stecke es energisch in meine Hosentasche. Man kann ja nie wissen, ob man nicht auch die Rettung rufen muss. Meine Finger sind ganz schön pickig wegen des Klebstoffs, sie kleben ein wenig an dem Plastik des Handys. Aber dafür habe ich jetzt keine Zeit. Ich flitze aus meinem Zimmer. Das Gebrüll kommt aus dem Badezimmer hier bei uns im oberen Stockwerk.

Der Flur ist dunkel und ich stoße mich mit dem Ellbogen an der kleinen Kommode, die im Gang steht. Das Licht aus dem Badezimmer hingegen leuchtet hell heraus und weist mir den Weg im Dunkeln. Schnell sause ich um die Ecke und kralle mich am Rahmen der offenen Badezimmertüre fest, damit ich meinen Schwung abbremsen kann.

Im Bad sehe ich Oma, die dort mit dem Rücken zur Türe steht. Sie hält Leonies lange, blonde Haare in den Händen. Vor ihr steht Leonie, aber er ist von Omas Rücken verdeckt. Dennoch sehe ich ihn zappeln und höre ihn schreien. Leonie windet sich und versucht Omas Griff zu entwischen.

„Hör auf OMAAA! Ich WILL DAS NICHT!!“ Das Gebrüll ist ohrenbetäubend und schrill.

Auf dem Boden sehe ich etliche Büschel von Leonies blonder Pracht. Oje, das gibt Ärger, denke ich mir noch. Dann checke ich kurz die Situation. Alle stehen, keiner ist bewusstlos. Kein Blut. Also kein Fall für die Rettung. Naja, vielleicht für die Irrenanstalt. Aber diese Nummer habe ich nicht abgespeichert.

„Lass endlich meine Haare LOS!“, faucht Leonie. „Paula, hilf mir!“ Er hat mich entdeckt und in dem Moment fängt Leonie an zu schluchzen. Das ist wohl zu viel Aufregung für ihn gewesen.

„Ja ja, ich lass gleich los“, sagt Oma. „Ich möchte dir nur das noch kurz gerade machen.“

Jetzt erst sehe ich, dass Oma eine riesige Schere in der rechten Hand hält. Sie lässt diese klappern und versucht damit ungeschickt Leonies Haare zu schneiden. Leonies Haare sind wirklich super lang. Sie sind glatt und blond und reichen bis zur Hüfte, wenn er sie offen trägt.

Ein weiteres Büschel blonder Haare landet sanft auf dem Fliesenboden. Leonie schluchzt laut auf. Jetzt muss die kleine Schwester helfen!

Ich flitze zu Omas Rücken, piekse sie fest in die linke Seite. Oma quiekt vor Schreck. Sie hat mich noch nicht gesehen. Gleich darauf spürt sie meinen zweiten, festen Pikser in der rechten Seite. Sie windet sich und ich nutze den Überraschungsmoment. Ich schnappe mir die große Schere aus ihren Händen und ehe es sich Oma versehen kann, renne ich mit der Schere aus dem Badezimmer.

Hinter mir höre ich nun Omas Geschimpfe, was denn das soll. Was wir denn für ungezogene Kinder sind. Leonie schreit begeistert auf, als er bemerkt welche Heldentat ich gerade getan habe. Ich flitze zur Treppe die ins Erdgeschoss führt. Ja, ich weiß, dass man mit Scheren oder Messern niemals laufen darf. Aber das hier ist eine Notsituation! Ich klappe die spitzen ausgeklappten Scherenteile zusammen und fasse die Schere nun mit der Faust am Gelenk, wo die Schraube ist. Der lange spitze Teil der geschlossenen Messer sieht nun nach unten und ist von meinem Körper weggedreht. Jetzt ist es nicht ganz so schlimm, falls ich fallen sollte – denke ich mir. Ich stolpere im Dunkeln die Treppe hinunter, laufe ins Wohnzimmer und verstecke die große Schere zwischen den Polstern der Couchlandschaft.

Dann suche ich mir ein Versteck in einer Nische und ziehe das Handy aus der Hosentasche. Hastig tippe ich eine SMS an Papa: – NOTFALL !! Oma hat Leonies Haare abgeschnitten. Kommt so schnell ihr könnt!! – Sicherheitshalber schicke ich die SMS auch an Mama. Dann klingle ich bei beiden kurz durch und lege jedes Mal nach dem ersten Läuten wieder auf. Das ist unser Code, wenn wir Hilfe brauchen. Also nicht so dringende Hilfe, bei der man die Rettung oder die Polizei ruft. Aber Mama und Papa wissen jetzt Bescheid. Das wird ein Drama! Das wird Leonie unserer Oma niemals verzeihen.

Vorsichtig luge ich aus meinem Versteck. Im Wohnzimmer ist es noch dunkel. Niemand ist mir nachgekommen. Ich lausche noch ein paar Minuten. Es bleibt weiter still. Dann wage ich mich wieder aus meiner Nische heraus und schleiche in der Finsternis zum Treppenabsatz. Ich hätte mir die Mühe sparen können. Alles leer. Oben höre ich die Stimme von Oma. Wahrscheinlich telefoniert sie. Vorsichtig erklimme ich eine Stufe nach der anderen. Auf der vorletzten Stufe bleibe ich stehen, beuge mich vor und spähe rechts ums Eck in den Flur des oberen Stockwerkes. Oma hat sich an die Wand neben der Kommode gelehnt. Sie hat ihr Mobiltelefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt und schiebt planlos irgendwelche Dekosachen herum. Das Porzellanpferd, das auf der Kommode steht und ebenso seine zwei Fohlen, eines aus Porzellan, das andere aus Plastik. Ein paar gebastelte, schrumpelige Kastanienmännchen vom letzten Herbst. Die Bilderrahmen, die Mama etwas schief an der Wand über der Kommode befestigt hatte, werden von Omas Fingerspitzen gerade gerückt. Oma telefoniert mit Mama, sie hat den Namen ihrer Tochter schon mehrmals genannt.

„Aber er kann doch so nicht rumlaufen, nicht in der Schule“, rechtfertigt Oma sich gerade. Dann kaut sie auf der Unterlippe. Ich vermute, dass Mama nun spricht, denn Oma hört zu. Ihr Gesichtsausdruck wirkt ein wenig verzweifelt. „Die Kinder sind doch so grausam! Besonders die in der Schule!“, wirft sie dazwischen, dann seufzt sie laut. Mama muss ihr ganz schön die Meinung pusten.

„ER ist doch aber ein JUNGE!“ Das war wieder Oma. Sie hat mich nun gesehen und mir mit einem müden Blick zugenickt.

Ich schlendere um die Ecke und nicke ihr ebenfalls zu, wobei ich versuche, sehr lässig und teilnahmslos zu wirken. Doch in Wirklichkeit brodelt es in mir vor Aufregung. Geschwind husche ich ins Bad. Leonie steht vor dem großen Spiegel und richtet sich seine verwurstelten und verschnittenen Haare. Er wirkt verzweifelt.

„Paula! Endlich, das hat ja eine Ewigkeit gedauert!“, begrüßt er mich, dann sieht Leonie wieder in den Spiegel und verzieht das Gesicht zu einer gequälten Grimasse. Er zupft unzufrieden an seinen schiefen Haaren. Während sie auf der rechten Seite noch so lang wie früher sind, sind sie auf der linken Seite wesentlich kürzer, das sehe ich auf den ersten Blick.

„Und?“, frage ich langsam.

„Was, und? Siehst du nicht, wie furchtbar das jetzt ist?“ Leonie zieht an einer seiner übrig gebliebenen Strähnen.

„Vielleicht hat Oma nur versucht, deine Haarspitzen zu schneiden“, versuche ich zu vermitteln. Ich weiß genau, dass es eine Lüge ist. Aber irgendwie muss sich die Sache doch erklären lassen, oder?

„Bist du verrückt? Nein, sie wollte sie mir abschneiden! Komplett! Sie wollte aus mir einen Jungen machen!“ Leonies Stimme ist schrill.

Den Satz – weil du ja eigentlich ein Junge bist – verkneife ich mir, denn wenn einer auf dieser Welt versteht, dass dieser Junge nicht wirklich ein Junge ist, auch wenn er nicht wirklich ein Mädchen ist, bin ich das – Paula, Leonies Schwester. Leonie ist Leonie und ich liebe ihn so, wie er ist, mein Bruder, meine Schwester – wie auch immer man das sehen mag.

Seit ich mich erinnern kann, trägt Leonie seine Haare sehr lang und ist wahnsinnig stolz darauf. Lose fallen sie über die Schultern bis zu seinen Hüften hinunter. Sie haben eine Farbe zwischen blond und hellem brünett und sind füllig und glatt, meistens sogar mit einem Brennstab geglättet. Als er klein gewesen ist, waren seine Haare sogar noch blonder, blond wie Stroh. Je älter er wird, desto dunkler wird der Nachwuchs. Und weil er möchte, dass seine Mähne immer schön glatt aussieht, steht er jeden Tag in der Früh mindestens eine halbe Stunde mit dem Glätteisen vor dem Spiegel und blockiert für uns alle das Bad. Das kann ganz schön nervig sein, aber es ist auch OK so, weil mein Bruder dann entspannt und gut gelaunt in die Schule gehen kann. Das ist schon einiges wert. Mama und Leonie haben vor kurzem einen riesigen Streit gehabt, weil er sich nicht mal die Spitzen nachschneiden lassen wollte. „Ich sche… auf den Spliss!“, hat Leonie unserer Mama mitten ins Gesicht gesagt und Mamas Kopf ist rot angelaufen und sie hat nach Luft geschnappt, bevor sie auf diese Frechheit etwas erwidern konnte. Also ist diese ganze Haar-Sache ein sehr heikles Thema für Leonie. Und jetzt ist das mit Oma gewesen. Das ist die MEGA Katastrophe. Leonies Haar ist sein ganzer Stolz. War. Leonies Haar war sein ganzer Stolz. Leonie schnieft.

„Lass mal sehen“, sage ich, obwohl ich jetzt schon genug sehe.

Leonie schnieft weiter, während er mir die Reste seiner langen Haare vor das Gesicht hält.

„Lass mal los“, sage ich, „da kann man ja nichts sehen“.

Doch tatsächlich, das kann sogar ein Blinder erkennen. Auf der linken Seite sind sie mindestens 20 bis 30 Zentimeter kürzer und das nicht einmal in einem schönen Schnitt. Nein, Oma hat sie einfach dick in Büscheln abgeschnitten. An manchen Stellen gehen sie nur mehr knapp unters Ohr. Das kommt einer Menschenrechtsverletzung gleich. Da kann man gar nichts mehr retten.

„Heilige Flohkotze“, flüstere ich entsetzt. Mein Entsetzen ist echt.

„Mega Katastrophe“, bekräftigt Leonie.

Er versucht die Fassung zu bewahren, aber ich sehe, wie arg es in ihm rumort. Vielleicht ist es deswegen, weil seine Haare das Erste sind, was die Menschen sehen. Haare sind das Offensichtlichste, bei dem die Leute erkennen, wer man ist. Und was man in jemanden als Erstes zu erkennen glaubt, das bleibt dann immer so. Ein Mensch sieht ein fremdes Kind und denkt sich: Oh, das ist ein Junge, weil das Kind einen Kurzhaarschnitt hat, eine Mütze auf hat und auf einem Skateboard fährt. Oder: Ah, das ist ein Mädchen, weil das Kind ein Kleid trägt, lange Haare hat und mit einer Puppe spielt. Weil der allererste Eindruck zählt. „Weil wir alle immer in Klassen und Kategorien denken“, hat Papa gesagt. „Wir ordnen alles ein.“ Und wenn wir sehen, da sieht jemand aus wie ein Junge, dann ist es eben ein Junge. Auch wenn es vielleicht nicht so ist. Wenn man sich mal darüber eine Meinung gebildet hat, dann kann man das Bild im Kopf eines Menschen nicht mehr rückgängig machen. Vielleicht ist es für Leonie deswegen so wichtig, dass man sofort sieht, dass er ein Mädchen ist. „Auf den ersten Blick muss man es sehen“, hat er mir mal gesagt, “das ist meine Identität und man muss sehen, dass ich ein Mädchen bin.” Denn Jungs tragen zwar oft lange Haare. Aber so lange Haare, wie Leonie und ich sie tragen, solche nicht. Die tragen nur Mädchen.

In einem der offenen Regale des Badezimmer-Schrankes steht ein Becher, in den Mama mehrere Nagelscheren gesteckt hat. Dicke, dünne und kleine, sowie abgerundete für die Nagelhaut. Kurz entschlossen öffne ich meine Spange, sodass meine ebenfalls sehr langen Haare auf die Schultern fallen. Meine Haare sind nicht ganz so lang wie die von Leonie. Sie gehen mir ungefähr bis zur Ellbogenbeuge. Also das tun sie, wenn ich gerade stehe und die Arme eng an den Körper presse. Wenn ich dann meinen Arm anwinkle, dann ist das ungefähr die Länge meiner Haare. Leonie hat noch nicht bemerkt, was ich tue. Er ist mit sich selbst beschäftigt. Ich nehme eine der größeren Scheren aus dem Becher und beginne mir meine roten Locken ebenfalls abzuschneiden. Ich schneide ungefähr in der Länge in der Oma Leonies Haare abgeschnitten hat. Vielleicht sogar ein bisschen kürzer. Es geht nicht so einfach, die Schere ist viel zu klein und sie verheddert sich im Haar immer wieder. Schließlich habe ich doch einige Büschel abbekommen und sie fallen sachte auf den Boden. Leonie ist aufmerksam geworden.

„WAS TUST DU DA?“ Er spricht jedes Wort für sich mit Abstand. „BIST DU VERRÜCKT GEWORDEN?“

„Ich schneide meine Haare“, erwidere ich möglichst ungerührt. Wieder fallen Büschel auf den Boden.

Leonie starrt mich entgeistert an. Über den Spiegel blicke ich kurz zurück. Schnapp.

„Damit machst du es auch nicht wieder gut“, sagt Leonie leise. „Aber danke, kleine Schwester. Ich weiß, was dir deine Haare bedeuten.“

Nun drehe ich mich um und sehe meinen Bruder direkt an. Eine Träne rinnt aus seinem Auge. Er schnieft wieder.

„Und ich weiss, was dir deine Haare bedeuten“, sage ich, „deswegen“.

Ich schneide weiter. In Leonies Augen sammeln sich immer mehr Tränen. Mit der kleinen Schere in der Hand nehme ich meinen großen Bruder in den Arm und drücke meine Backe an seine.

„Du bist die beste, kleine Schwester, die ich habe“, schluchzt er.

Wir werden beide zum Friseur gehen müssen. Dieses Schlachtfeld kann man nicht mehr mit ein bisschen Spitzenschneiden heil machen.

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