Paula und Leonie – Teil 2

Allgemein, Kindergeschichten

Wir stehen lange hier, halten uns. Irgendwann sehe ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Es ist Oma, die den Kopf zur Badezimmertüre herein steckt. Die soll es ja nicht wagen, hier hereinzukommen. Ich mache mir umsonst diese Gedanken, denn Omas grauer Wuschelkopf verschwindet aus dem Türrahmen und ich höre, dass Oma die Treppe hinunter ins Erdgeschoss steigt. Dann höre ich lange nichts mehr.

Mama sagt immer, dass wir Glück damit haben, dass Leonie ein ungeduldiger Mensch ist. Ungeduldige Menschen wissen schneller, was sie wollen. Ungeduldige Menschen können schneller Entscheidungen treffen. Leonie weiß, was er will und es ist ihm egal, was die anderen davon denken. Die meisten Leute überlegen viel und grübeln über ihr eigenes Verhalten und Tun. Sie fragen sich immer wieder, was die anderen Menschen von ihnen halten, wenn sie dieses oder jenes machen. Leonie ist viel zu ungeduldig. Deswegen fragt er sich auch nie, was die anderen von ihm halten. Es ist ihm egal.

Für viele Mädchen, die lieber Jungs wären und für viele Jungen, die lieber Mädels wären, ist es nicht so einfach, wie bei meinem Bruder Leonie. Oft wissen diese Kinder gar nicht, wer sie lieber wären. Sie fühlen sich einfach unwohl. Sie wissen nicht, dass sie eindeutig lieber das andere Geschlecht wären, also das, was sie gerade nicht sind. Oft ist es auch gar nicht so einfach, sich nur für Eines zu entscheiden. Manche Kinder fühlen sich weder als ein Junge noch als ein Mädchen – und manchmal sind Kinder eben beides: Mädchen und Junge. Mama meint: „Die Natur ist nicht immer eindeutig“. Manchmal wissen Kinder auch gar nicht, dass es das Mädchen-Jungen-Thema ist, das in ihrem Inneren so rumort. Manchmal glauben sie, dass sie krank sind, weil sie sich selbst nicht verstehen. Und sehr oft trauen sich Kinder nicht mal ihrer eigenen Familie oder ihren besten Freunden zu erzählen, dass mit ihnen etwas anders ist. Dass sie nicht so normal sind, wie man sie sich erwartet.

Mein Bruder Peter hat schon im Kindergarten gewusst, dass er lieber ein Mädchen ist. Er hat gewusst, was er anziehen will. Er hat gewusst, mit welchem Spielzeug er spielen will. Er hat gewusst, wie er aussehen will. Und er hat gewusst, dass er ein Mädchen ist, das Peter heisst. Aus Basta. Peter ist ein Mädchennamen. Wenn irgendjemand ihm das hat ausreden wollen, dann hat er nicht hingehört. Wenn ihn andere Kinder ausgelacht haben, dann hat er einen Streit angezettelt. Peter ist immer felsenfest sicher gewesen, dass er ein Mädchen ist. Meine Eltern haben es ihm auch nie ausgeredet. Anfangs dachten sie wohl so etwas wie: „Ach, das ist einfach eine Phase. Viele kleine Buben spielen lieber mit Mädchensachen und tragen ihre Haare länger. Und außerdem ist er auch nicht der einzige Junge in seiner Kindergarten-Gruppe, der gerne zum Spielen ein Röckchen anzieht.“ Aber bei Leonie ist es keine Phase gewesen. Kaum hat er kapiert, dass es Mädchen und Jungens gab, hat er beschlossen ein Mädchen zu sein. Er hat beschlossen, nur Dinge zu tun, die Mädchen tun. Wenn er im Kindergarten von anderen Buben etwas gehört hat, wie: „Aber mit Puppen spielen wir nicht, das machen nur die Mädchen. Wir spielen lieber mit den Autos.“ dann hat man sicher sein können, dass Leonie ab sofort eine der Puppen als seine Lieblingspuppe auserkoren hat und fortan diese kleinen Autos und sämtliche Spielsachen, die etwas mit Autos zu tun hatten, wie Bagger und so, links liegen gelassen hat. Er hat die Mädchen beobachtet, die er für besonders mädchenhaft gehalten hat und hat sie imitiert. Ich weiß das alles nicht aus eigener Erfahrung, weil ich ja zwei Jahre jünger bin. Mama hat es mir erzählt.

Als Leonie in die erste Schulklasse gekommen ist, hat er nicht nur wie ein Mädchen ausgesehen, sondern er hat sich auch so verhalten. Nur am Namen hat man erkennen können, dass er keines gewesen ist. Meine Eltern wussten damals nicht so recht, ob es gut und auch klug wäre, wenn Leonie als Mädchen in die Schule gehen würde. Sie haben nicht gewusst, ob die anderen Kinder ihn akzeptieren würden. Sie haben sich auch überlegt, ob es Probleme mit den Lehrern geben würde. Oder mit den Eltern von anderen Kindern. Also haben sie Leonie gefragt, ob er damit leben könne, dass er in der Schule ein Junge wäre und Zuhause eben ein Mädchen sein könne, wenn er wolle. Er hat NICHT damit leben können. Das ist ein Aufstand gewesen! Daran erinnere ich mich noch genau. Ich habe noch nie ein Kind so wütend und aufgebracht gesehen, wie Leonie damals war. Leonie hat zwei Wochen vor Schulbeginn bis zum ersten Schultag kein einziges Wort gesprochen. Weder mit Papa, noch mit Mama. Naja, das stimmt nicht ganz. Er sagte: „Ich bin ein Mädchen!“ Und das hat er sehr oft in dieser Zeit gesagt. Immer, wenn ihn jemand etwas gefragt hat, oder einfach nur mit ihm reden wollte. „Ich bin ein Mädchen!“ Er hat es freundlich gesagt. Er hat es mit fester Stimme gesprochen. Er sang es und trällerte es wie ein Lied. Er fluchte es und brüllte es, bis es niemand mehr hören konnte. Und er weinte es. Wir haben uns damals noch das große Kinderzimmer geteilt und Abends wenn wir in unseren Betten gelegen haben und es dunkel war, dann flüsterte Leonie wie eine Zauberformel als letzten Satz in die Finsternis:

„Ich … bin … ein … Mädchen!“

„Du … bist … ein … Mädchen.“, habe ich dann jedesmal zurück geflüstert.

Und dann hat Leonie mit einem tiefen Seufzer geantwortet: „Ja, so ist es!“

Ich bin also der einzige Mensch gewesen, der in diesen zwei Wochen andere Wörter von Leonie zu hören bekommen hat. Ich, als kleine Schwester, bin mächtig stolz darauf und habe dieses Geheimnis bis gerade eben für mich behalten, weil ich es achte wie einen besonderen Schatz.

„Ja, so ist es“, habe ich dann noch leiser das Ohr meines Teddys geflüstert und dann bin ich beruhigt eingeschlafen. Mein Teddy hat mich logischerweise niemals verraten und ich bin die Verbündete meines großen Bruders geworden. Leonie hat als Mädchen in die Schule gehen dürfen. Und dann hat er auch wieder mit Mama und Papa gesprochen. Und das war der Zeitpunkt an dem wir angefangen haben, nicht mehr Peter zu meinem Bruder zu sagen, sondern Leonie.

Und jetzt stehen wir hier im Badezimmer und Oma hat Leonie die Haare abgeschnitten. Ich weiß, dass es viel mehr ist als nur Haare. Oma hat meinem Bruder seine Identität geraubt. Sie hat ihm mit dieser Aktion den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich halte meinen großen Bruder so fest ich kann.

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